Vom Donald zum Dagobert

Diesen Bericht habe ich heute bei Spiegel online von Barbara Hardinghaus gefunden:

Wie ein Finanzbeamter säckchenweise zum Millionär wurde

Angefangen, sagt er, habe es mit einer Mark, die ihm fehlte für ein Päckchen Zigaretten. Und Herr L. war sich sicher, er würde sie zurücklegen am nächsten Tag.

Am nächsten Tag aber hat Herr L. gesagt “Scheiß drauf”, das erste Mal. Da war Herr L. schon 14 Jahre lang Finanzbeamter der Stadt Aachen, ein rechtschaffener Mann aus einem rechtschaffenen Elternhaus, der Vater war Polizist, ein Kommissar.

Herr L. wollte eigentlich auch Polizist werden. Aber er schaffte die Aufnahmeprüfung nicht. Also wurde er Kommunalbeamter und bekam drei Aufgaben: alle Rechnungen in den Computer eingeben, die Kasse der Stadtbücherei entleeren und das Geld aus 330 Parkscheinautomaten zählen. Dabei trank er gern Kaffee und rauchte viel.

Eigentlich zählten sie das Geld zu zweit. Es galt das “Vier-Augen-Prinzip”. Und trotzdem kam es vor, dass jemand krank war oder im Urlaub oder ohne rechte Lust. Dann stand Herr L. allein unten im Tresorraum und schaufelte die Münzen aus den gelben und grauen Schwingen mit einer rostigen Tabakdose in die Zählmaschine, von dort in die Säckchen. Wie viele Säckchen es waren, mit wie viel Geld drin, das schrieb Herr L. auf einen Schein für die Bank.

Von seinem Fenster aus konnte er auf das Haus des Bischofs sehen.

“Scheiß drauf”, hat Herr L. gesagt, ein weiteres Mal. Und irgendwann im Winter 2000, als Münzen noch Pfennige hießen und Mark, versenkte er zwei der Säcke mit jeweils 1000 Mark darin in einen leeren Karton, von dort in den Rucksack, und in der Mittagspause legte er sie ins Auto. Tür auf, Rucksack auf die Rückbank, Decke drüber, Tür zu. Danach ging Herr L. zu McDonald’s und aß einen Salat und trank eine Apfelsaftschorle. Das machte er nun jedes Mal so. Säcke in den Rucksack, Rucksack ins Auto, dann Salat und Apfelschorle.

Er sammelte die Münzen in seiner Wohnung. Er legte die Säckchen, und es wurden mehr, unter sein Bett. Es ging ihm nicht darum, etwas Schönes zu kaufen. Er hatte doch alles. Herr L., groß und dunkelhaarig, mit Rundbart, ein eitler Mann, wollte das Geld einfach besitzen.

Irgendwann waren zu viele Säcke unter seinem Bett, und er fing an, die Münzen in Scheine zu wechseln an Tankstellen, an Kiosken, in Blumengeschäften.

Das funktionierte auch lange. Bis es zu viele Säcke wurden mit zu vielen Münzen für zu wenig Tankstellen, Kioske und Blumengeschäfte in Aachen. Er wollte nicht auffallen.

Was konnte er tun? Er erinnerte sich an etwas, das er gesehen hatte, als er mal in Heerlen gewesen war, einem niederländischen Städtchen gleich hinter der Grenze. Wechselstuben. Die wechselten alles gegen ein kleines Trinkgeld. Herr L. sagt heute, es sei nicht schwer gewesen, die Mitarbeiter zu überreden.

Doch nach der Euro-Umstellung machte eine Wechselstube nach der anderen dicht. Herr L. fuhr nicht mehr zum Shoppen nach Holland.

Er blieb zu Hause und überlegte, was er tun könne.

Er begann, die Säcke in seinem Keller zu schichten. Daran, aufzuhören, dachte Herr L. nicht. Dafür liebte er jeden einzelnen Taler zu sehr. Er war vom Donald zum Dagobert geworden.

Also: Karton, Rucksack, Auto, Keller. Und abends zum Sport, ins Fitnessstudio.

Denn ein Sack mit über tausend 20-Cent-Stücken wiegt 5,8 Kilo. Und Herr L. brauchte mehr Kraft, nachdem ihm die Idee gekommen war, das Geld in einer belgischen Bank einzuzahlen. Er musste die Säcke zurück aus dem Keller ins Auto schleppen und fuhr wieder über die Grenze. Das tat er häufig.

So häufig, dass die belgische Bank einen Sondertransport einrichtete, der die Münzen zur Hauptstelle nach Antwerpen brachte. Herr L. zahlte das Geld auch auf andere Konten ein, auf das seiner Schwester, der Freundin und der Mutter.

Es war April 2003, als die Stadtkasse Aachen ihr System änderte. Da hatte Herr L. schon mehrere hunderttausend Euro weggeschafft. Er war im Rausch, im Geldrausch.

Die Stadtkasse änderte ihr System nicht, weil sie etwas bemerkt hätte. Sie wollte, der allgemeinen Lage im Land angepasst, Kosten sparen und ließ das Geld direkt an die Bank gehen, ungezählt. Es war billiger für die Stadt, der Bank nur mitzuteilen, wie viel Geld in den Parkuhren sein müsste, statt es zu zählen. Und so kam es, dass die Stadt die Bons addierte, die der Parkscheinautomat ausspuckt. Auf den Bons steht, wie viel Geld im Apparat sein muss. Man hätte das früher tun können.

Herr L. wusste von dem neuen System. Er hat sich gesagt “Scheiß drauf”, das letzte Mal.

Die Bank wunderte sich über die Beträge, die tatsächlich bei ihr eingingen, sie waren zu niedrig. Es fehlten mal 2000, mal 4000 Euro. Auch Herr L. wurde zur Rede gestellt. Er machte weiter, um nicht aufzufallen.

Herr L. fiel auf, als er krank wurde. Da stimmte plötzlich alles überein.

An einem sonnigen Oktober-Tag wurde Herr L. verhaftet. Er war gerade aufgestanden, er wollte sich anziehen, sie nahmen ihn mit, er sitzt jetzt in Untersuchungshaft seit einem Jahr, der Prozess läuft. Herr L. will alles zurückzahlen. Er hat das Geld ja nicht ausgegeben.

Er hat Buch darüber geführt, wo er sein Geld überall liegen hat, säuberlich und gewissenhaft. Was sollte Herr L. tun? Er ist Beamter.

Stefan Moeller Verfasst von:

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